Beim Auftakt der neuen Gesprächsreihe „evau im Gespräch“ kehrte die Politikwissenschaftlerin und evau-Abiturientin nach Weidenau zurück. Mit Dr. Anselm Ott und Dr. Jens Aspelmeier sprach sie über ihre Schulzeit, ihren beruflichen Weg und Europas Herausforderungen in einer unsicheren Welt.
Freitagabend, 19 Uhr. Während es für viele schon ins Wochenende ging, trafen sich in der Arche des evau ehemalige Mitschüler, Lehrer, Interessierte und Schüler. Sie waren gekommen, um Dr. Jana Puglierin wiederzusehen oder kennenzulernen. Die Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations war selbst einmal Schülerin am evau. Beim Auftakt der neuen Gesprächsreihe „evau im Gespräch“ führte ihr Weg zurück an den Ort, an dem ihre Geschichte in Weidenau begann.
Der Förderverein des evau hatte den Abend organisiert. Im ersten Teil sprach Dr. Anselm Ott mit Puglierin über ihre Biografie und ihre Verbindung zur Schule. Im Gespräch mit Dr. Jens Aspelmeier richtete sich der Blick anschließend stärker auf die internationale Politik, die USA, den Krieg in der Ukraine und die Frage, wie eigenständig Europa handeln kann. Zum Abschluss konnten die Gäste eigene Fragen stellen.
Ein Wiedersehen mit der eigenen Schulzeit
Für Puglierin fühlte sich der Abend anders an als ein gewöhnlicher öffentlicher Auftritt. Viele ehemalige Mitschüler saßen im Publikum. Sie erinnerte sich an die Anspannung vor den Abiturprüfungen, an die Abiturfeier und an eine Schulzeit, in der sie sich wohlgefühlt hatte. Als sie 1988 ans evau kam, hatten auch der Ruf der Schule als vergleichsweise freier Lernort und die Entscheidung ihrer Cousine und ihrer besten Freundin für das evau eine Rolle gespielt.
Einige Erinnerungen waren sofort wieder da. Ihr Lieblingsort war der Oberstufenschulhof. Eine frühere Sportlehrerin, Susanne Müller, hatte außerdem einen alten blauen Turnanzug aufgehoben und ihn Puglierin beim Wiedersehen geschenkt. Das persönliche Geschenk verband die große Weltpolitik des Abends mit einem sehr konkreten Stück Schulgeschichte.
Auch die Geschichte ihrer Familie führte zurück nach Siegen. Puglierins familiäre Wurzeln reichen nach Italien und Polen. Ihre Groß- und Urgroßeltern kamen aus unterschiedlichen Gründen nach Siegen, beide Familienzweige fanden hier Arbeit, unter anderem im Stahlwerk. Die italienische Seite ihrer Familie beschäftigte Puglierin später auch ganz bewusst: Sie studierte ein Semester in Venedig, lernte die Sprache und suchte den Kontakt zu Verwandten.
Aus der Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte entwickelte sich ihr Interesse an der Zeitgeschichte. Beide Großväter waren Soldaten der Wehrmacht. Eine Reise nach Israel im Jahr 1995 prägte sie besonders. Dort begegnete sie einer Gastfamilie mit deutsch-polnischen Wurzeln, deren Familiengeschichte von nationalsozialistischer Verfolgung und Ermordung geprägt war. Geschichte wurde für Puglierin so auch zu einer persönlichen Frage: Wie wirken politische Umbrüche und Verbrechen in einzelnen Familien weiter?
Ein Weg, der sich Schritt für Schritt ergab
In ihrer Abizeitung standen als mögliche Zukunftsberufe „Weltenbummlerin“, Journalistin oder Botschafterin. Am ehesten habe sie damals an den Journalismus gedacht, vielleicht verbunden mit Reisen und Schreiben für GEO. Ihr beruflicher Weg folgte jedoch keinem festen Plan. Vieles habe sich aus ihren Interessen und den Gelegenheiten ergeben, die sich ihr boten.
Nach dem Abitur 1997 verbrachte Puglierin ein Jahr in Paris und absolvierte dort einen Französischkurs an der Sorbonne. Von 1998 bis 2003 studierte sie an der Universität Bonn Politikwissenschaft, Öffentliches Recht und Soziologie. Ein Semester führte sie 2002 an die Venice International University. Anschließend promovierte sie in Bonn über Leben und Denken des Politikwissenschaftlers John Herz. Für ihre Forschung reiste sie auch in die USA.
Nach Stationen in Wissenschaft und politischer Beratung wechselte Puglierin zur Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Seit 2020 leitet sie das Berliner Büro des European Council on Foreign Relations und arbeitet dort als Senior Policy Fellow. Der ECFR ist ein europäischer außenpolitischer Thinktank, der wissenschaftliche Analysen mit politischen Debatten verbindet. Puglierin beschrieb ihre Aufgabe als Versuch, Entscheidungsträger und Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass europäische Staaten durch Zusammenarbeit mehr erreichen können.
Ihre Erfahrungen mit Politik von innen seien mitunter ernüchternd gewesen. In politischen Entscheidungen gehe es oft um unterschiedliche Interessen und selten allein um die beste Lösung für ein Problem. Die Arbeit in der Politikberatung ermögliche ihr, Themen weiterzudenken und Entwicklungen einzuordnen. Ihr Antrieb sei vor allem das Interesse daran, politische Zusammenhänge zu verstehen und aufzuarbeiten. Auch zu Hause wird diskutiert: Ihre Kinder fordern die Familie mit politischen Fragen und Meinungen heraus.
Zu ihren aktuellen Themen gehört die europäische Sicherheit. Anfang 2026 veröffentlichte Puglierin das Buch „Wer verteidigt Europa? Die neuen Kriegsgefahren und was wir tun müssen, um uns zu schützen“. Darin beschäftigt sie sich mit den Bedrohungen für Europa und den Möglichkeiten, die europäische Verteidigungsfähigkeit zu stärken.
Europas Handlungsspielraum in einer unsicheren Welt
Im zweiten Teil des Abends standen die USA im Mittelpunkt. Puglierin beschrieb die amerikanische Demokratie als stark unter Druck, zugleich aber als lebendig. Wahlergebnisse könnten zeigen, dass politische Entwicklungen nicht zwangsläufig in eine Richtung verliefen. Donald Trump sei dabei keine einmalige Ausnahme. Europa müsse sich darauf einstellen, dass die transatlantischen Beziehungen weniger vorhersehbar seien als in den vergangenen Jahrzehnten.
Für die kommenden Jahre erwartete Puglierin, dass Trump weiter auf schnell sichtbare Erfolge setzen werde. Der Druck auf Europa werde eher wachsen als abnehmen. Mehr europäische Unabhängigkeit lasse sich nicht kurzfristig erreichen. Sie sei ein längerer Prozess, in dem Europa Abhängigkeiten verringern und eigene Handlungsmöglichkeiten ausbauen müsse. Entscheidend sei, dass die Europäer diesen Weg aus eigenem Interesse gingen.
Auch die politischen Kräfteverhältnisse in den USA kamen zur Sprache. Puglierin verwies auf die klare ideologische Ausrichtung von Vizepräsident JD Vance und auf die Schwierigkeit, sich innerhalb der Republikanischen Partei von Trump abzusetzen. Bei den Demokraten sei zugleich noch offen, welche politische Richtung sich künftig durchsetzen werde. Auf die Frage, ob große Technologieunternehmen politischen Einfluss zunehmend verdrängten, betonte Puglierin die Bedeutung einer handlungsfähigen Politik und politisch engagierter Bürger.
Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine sei ein Prüfstein für Europa. Die Unterstützung der Ukraine teste die Glaubwürdigkeit der europäischen Staaten. Zwar gebe es Ermüdungserscheinungen, dennoch zögen die Europäer in dieser Frage an vielen Stellen gemeinsam. Puglierin warnte davor, Russlands Ziel allein auf die Kontrolle über die Ukraine zu verkürzen. Russland strebe ihrer Einschätzung nach auch politischen Einfluss auf Europa an. Eine zentrale Errungenschaft Europas sei es, Konflikte mit Recht und gemeinsamen Regeln zu lösen.
Die Fragen aus dem Publikum griffen diese Themen auf und erweiterten sie. Es ging um die Zusammenarbeit mit Ländern des Globalen Südens, Kanada und Südkorea, um den Einfluss großer Technologieunternehmen und um die deutsche Haltung zu Israel und Rüstungsexporten. Auch die politischen Rechtsverschiebungen in Deutschland und Europa wurden diskutiert.
Zum Schluss kehrte das Gespräch noch einmal zur Schule zurück. Puglierin erinnerte an ihre guten Jahre am evau, an die Leistungskurse, die ihr Freude gemacht hatten, und an Freundschaften, die bis heute bestehen. So verband der Abend persönliche Erinnerungen an die Schulzeit mit einer offenen Diskussion über Europas Zukunft.



Fotos: Thomas Gerding

