Kochschule evau – Ein offener Brief an die Synodalen

,,Der Trägeranteil des Kirchenkreises 2026 für das Ev. Gymnasium beträgt 253.539,00 €, zuzüglich der Vorfinanzierung des Anteils des Landkreises. 
Die Schulleitung wird beauftragt, bis zur 7. Kreissynode am 02.12.2026 ein Konzept zur weiteren Mittelakquise (z. B. Förderverein und Elternbeiträge) zu erarbeiten. Dabei liegt der Fokus darauf, den gesamten kreiskirchlichen Anteil durch eine Ersatzfinanzierung bis 2029 auf 0 € zu reduzieren.
Darüber hinaus wird der KSV beauftragt, Gespräche mit dem Kreis Siegen-Wittgenstein, der Stadt Siegen und der Landeskirche Gespräche zur Übernahme der Trägerschaft bei Beibehaltung des kirchlichen Profils zu führen.“

Synodenbeschluss 4.4.5 vom 11.07.2026 betr. Evau/Ev. Gymnasium

Die Westfälische Rundschau formulierte bereits am 08. Juli im Vorfeld der Synode: „Der Kirchenkreis […] will die Trägerschaft für das evau loswerden.“  Ich mochte glauben, dass dies eine verkürzte, gar falsche Darstellung sei, die der ganzen Sache hoffentlich nicht entspricht. Das Wollen ist schließlich eine andere Dimension als das rein finanzielle (Nicht-) Können

Dass man auch in der Kirche des lebendigen Gottes die Finanzen nicht einfach unter den eschatologischen Vorbehalt stellen wollte, sondern sich nach kapitalistisch geprägtem Menschenverstand zu der Schlussfolgerung verleiten ließ, für die kostspieligsten Kapitel der Nachfolge Christi Unterstützung anfordern zu müssen, weil man sich etwas oder jemanden nicht mehr leisten kann – das mag ja noch entschuldbar sein. Nicht jeder hat so einen festen Glauben an „seine Sache“, dass man gesellschaftlichen Herausforderungen wie z.B. der Speisung von 5000 Menschen oder der Bildung von 800 Schüler*innen mit dem überschaubaren Kapital von nur fünf Broten und zwei Fischen (Joh. 6,9) entgegentreten will. Insofern habe ich mit dem zweiten Absatz des Beschlusses persönlich keine Probleme: Die Kirche muss sparen und ist auf überzeugte Unterstützung angewiesen, um in dieser Welt zu überleben.

Aber dass man als Kirche „unterwegs zwischen den Zeiten“ (D. Sölle) gerade die Kinder und damit die Zukunft aufgeben will – widerspricht jeglicher Logik. Insofern ist der dritte und letzte Absatz des Beschlusses für mich die eigentliche Enttäuschung:

In ihrer Vorrede zu den insgesamt 12 Beschlussempfehlungen sprach Superintendentin Grünert noch von ihrem persönlichen Bild von Kirche als einem „bedeutsamen Kontaktraum, in dem Menschen gestärkt werden“. Diesem Bild kann ich mich gut anschließen: Sie versteht Kirche metaphorisch als eine Reihe von „Versorgungsstationen“ auf der Marathonstrecke des Lebens, an denen die vielfältigen Bedürfnisse von Menschen gestillt werden können. Solche Verpflegungsstellen entstünden nicht von selbst, es brauche Menschen, die helfen, damit möglichst viele Menschen die Kontakträume zum Evangelium finden. In dieses schöne und treffliche Bild fügt sich deshalb der unmittelbar ergänzte Gedanke von Heike Dreisbach hervorragend ein: Kirche könne sich langfristig nicht auf die Aufrechterhaltung der Versorgungsstationen beschränken; sie müsse vielmehr „Kochkurse“ anbieten, um Menschen dazu zu befähigen, sich langfristig auch selbst zu versorgen und um anderen eine Versorgungsstation zu werden. Dass gerade das Evau als eine weiterführende Schule mit evangelischem Profil in diesem Bild eine regelrechte „Kochschule“ sein kann, scheinen die Synodalen nicht begriffen zu haben. 

Es drängt sich der Vergleich mit den Jüngern auf, die die Kleinsten der Gesellschaft von Jesus fernhalten und wegtreiben – im frommen Glauben daran, der Meister hätte wichtigeres zu tun; er hätte keine Zeit (oder kein Geld), um sich den Umgang mit Kindern leisten zu können. „Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran!“ (Mk. 10,14)

Evangelische Schule ist ein bedeutsamer Kontaktraum! Am Evau wird die von der Kirche angestrebte „Begegnung mit dem Evangelium“ ermöglicht: In sechs Gottesdiensten pro Schuljahr in unterschiedlichen Sakralräumen für die gesamte Schulgemeinde, in vielfach diakonischem Engagement der Schüler*innen durch außerunterrichtliche Programme und durch Netzwerkarbeit im Kontakt mit anderen Institutionen und Projekten des Kirchenkreises oder der EKD – und allem voran: in der persönlichen und wertschätzenden Begleitung der Schüler*innen durch unsere Lehrkräfte. 

Bei allem steht die Persönlichkeitsentwicklung der uns anvertrauten Kinder im Mittelpunkt. Wir verstehen jeden Menschen als bedingungslos geliebtes Geschöpf Gottes, das sich frei nach den individuellen Fähig- und Möglichkeiten entfalten können soll – und sich aber gleichzeitig seiner Verantwortung gegenüber den Nächsten und der Schöpfung bewusstwerden und für diese einstehen soll. Es schmerzt zu erleben, wie ignorant mit unserem langjährigen Engagement für die Zukunft unserer Gesellschaft umgegangen wird. Die Kolleg*innen aus über 60 Jahren evau-Geschichte haben die Freiheit als Ersatzschule immer auch für die klare Haltung zur Demokratie, zur Ermächtigung junger Menschen und zur Erziehung zu verantwortungsbewussten Bürger*innen eingesetzt – was ja gerade in den momentanen Zeiten unabdinglich scheint.  Bemerkenswert an dieser Stelle, dass der Ausstieg des Landkreises aus der Mitfinanzierung des evaus in der Kreistagssitzung vom 24.02.2024 auf einen AfD-Antrag hin beschlossen wurde – und der Kirchenkreis nun infolgedessen unter der finanziellen Doppelbelastung in die Knie geht…

Klar sollte sein: Am evau wird niemand zwangsmissioniert. Das evau ist kein Garant für zukünftige Kirchensteuerzahlende. Aber wir sind überzeugt, dass der christliche Glaube in seinen vielen, mal mehr mal weniger frommen oder liberalen Ausprägungen ein gutes Fundament für ein gelingendes, selbstbestimmtes und glückliches Leben in Freiheit und Verantwortung sein kann. Dieses Angebot können wir als „Versorgungsstation Evau“ machen – für jeden jungen Menschen, der es freiwillig annehmen möchte.

Wie geht es nun weiter? Wir als Schulleitung sind überzeugt von unserem „Kontaktraum“ – auch wenn es der Großteil der Synodalen nach der Synode vom 11.07.  nicht zu sein scheint: Die evangelische Kirche ist auch unsere Kirche! Auch wenn diese zukünftig nicht mehr als nur fünf Brote und zwei Fische zu unserer „Versorgungsstation“ wird beisteuern können. In Bezug auf Absatz drei des Beschlusses fordern wir vom KSV aber dieses Mindestmaß an Investment und ein entschiedenes Zeichen des Wollens: Eine ehrliche, verbindliche Zusage, dass die Trägerschaft und der zugegebenermaßen in sich schon kostspielige Verwaltungsapparat im Falle einer Kostenneutralität des Trägeranteils grundsätzlich kirchlich bleibt – sei es nun der Kirchenkreis oder die Landeskirche. Die Vorstellung der Synodalen einer „Beibehaltung des kirchlichen Profils“ bei einer alleinigen Übernahme der Trägerschaft durch Stadt oder Landkreis ist geradezu naiv! Es würde uns aller unserer bisher genutzten Freiheiten einer Ersatzschule berauben. 

Unter dieser Prämisse werden wir uns auch gerne des Auftrags annehmen, der aus dem zweiten Absatz des Beschlusses an uns ergeht. Und alle Eltern, Kolleg*innen, Schüler*innen, Ehemalige, Alumni und Förderer, die sich unserer Liebe für und Überzeugung von einer dezidiert evangelischen Schule anschließen können, sind bereits an dieser Stelle herzlich dazu eingeladen, die uns zur Verfügung gestellten Brote und Fische miteinander zu teilen und unsere Versorgungsstation mit Haltung und Engagement mitzutragen.

Thomas Süßenbach, 13.07.2026