Evangelische Erlebbarkeit

Das evau. Ein evangelisches Gymnasium. 

Was unterscheidet eigentlich ein evangelisches Gymnasium von „normalen“ oder besser: von nicht evangelischen Gymnasien? Was ist überhaupt das dezidiert „Evangelische“ an unserer Schule? Und: Wird es im Schulalltag wahrgenommen und erlebt? Wenn ja, wie? 

Um diesen Fragen nachzugehen und gemeinsam nach Antworten zu suchen, hat die Schulstiftung der EKD elf evangelische Schulen aus den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands für drei Tage nach Plön eingeladen. Anlass war die Auftaktveranstaltung des Projekts „Evangelische Erlebbarkeit“. 

Um möglichst multiperspektivisch miteinander ins Gespräch zu kommen, entsandte jede Schule eine gemischte Delegation aus Vertreterinnen und Vertretern der Schulleitung, des Kollegiums und der Schülerschaft. Unsere Gruppe bestand aus Frau Lamm, Herrn Süßenbach sowie vier Schülerinnen und drei Schülern der Q1. 

Zunächst stellte sich die grundlegende Frage: Was ist eigentlich „evangelisch“? Nach ersten Impulsen und intensiven Austauschgesprächen entwickelten wir für uns eine vorläufige Arbeitshypothese, die sich knapp mit drei Begriffen umreißen lässt: 

  1. Bedingungslose Wertschätzung 
  1. Äußere und innere Freiheit 
  1. Verantwortung in Beziehung und aktive Weltgestaltung 

1. Bedingungslose Wertschätzung 

Wir glauben: Jeder Mensch ist ein gewolltes und geliebtes Geschöpf Gottes und besitzt einen unbedingten Wert, unabhängig von seinen Leistungen, Fehlleistungen oder seinem Nutzen in bestimmten Kontexten. Die reformatorische Grunderkenntnis Luthers, dass Menschen ohne eigenes Zutun „aus Gnade vor Gott gerecht“ sind, ist das theologisch begründete Fundament der Menschenwürde. 

Das System „evangelische Schule“, und ein Gymnasium insbesondere, steht womöglich schon an dieser Stelle vor einem Identitätskonflikt: Lassen sich „evangelisch“ und „Schule“ überhaupt authentisch miteinander vereinbaren? 

Wir haben sehr ausführlich darüber diskutiert, inwiefern leistungsunabhängige Gnade und ein leistungsorientiertes schulisches Bewertungssystem überhaupt zusammen, nebeneinander oder gar miteinander gedacht und gelebt werden können. 

Zu meiner großen Freude waren es gerade die Schülerinnen und Schüler, die mich in dieser Identitätskrise aufgebaut und bestärkt haben: Man merke dem Kollegium diese „innere Haltung“ im Alltag an und fühle sich gesehen und wertgeschätzt, auch wenn die schulischen Leistungen in dem einen oder anderen Fach einmal nicht so „wertvoll“ ausfallen sollten. Was für ein tolles Feedback! 

2. Äußere und innere Freiheit 

Die direkte Konsequenz dieser bedingungslosen Wertschätzung ist Freiheit. Evangelische Freiheit bedeutet zunächst eine „äußere“ Freiheit: Freiheit von Zwängen, überhöhten Erwartungen und menschlichen Absolutheitsansprüchen.  

Der Glaube erscheint bei Luther aber nicht als unerschütterlicher Besitz oder als zweifelsfreie Gewissheit, sondern häufig als ein Ringen mit dem Deus absconditus, dem „verborgenen Gott“. Der Mensch erfährt Gott nicht zu jeder Zeit als nah, eindeutig und offensichtlich. Zum Glauben gehören auch Zweifel, Ungewissheit, Leiden und die Erfahrung des Schweigens Gottes. Gott bleibt dem menschlichen Zugriff entzogen. Gerade darin liegt eine bleibende Herausforderung des Glaubens, aber auch eine besondere Form der Freiheit. 

Evangelische Freiheit ist deshalb auch die Freiheit, mit Gott zu ringen, Fragen zu stellen, Zweifel auszuhalten, mit offenen Fragen zu leben, Spannungen nicht vorschnell auflösen zu müssen, die eigene Position immer wieder zu überprüfen und sich nicht mit einfachen Antworten zufriedenzugeben. Glaube ist dann nicht durch das Ende aller Fragen gekennzeichnet, sondern durch die Freiheit, Fragen überhaupt stellen zu dürfen. 

In diesem Sinne ist evangelische Freiheit besonders nach innen gerichtet: als Bereitschaft, die eigenen Überzeugungen kritisch zu prüfen, die eigene Fehlbarkeit anzuerkennen und immer wieder neu nach Wahrheit zu suchen. Für eine evangelische Schule hat diese Haltung wichtige pädagogische Konsequenzen. Sie bedeutet, Fragen ernst zu nehmen, Zweifel nicht zu verdrängen, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und auch als Lehrkraft menschlich und fehlbar zu sein. 

Bildung ist dann nicht das Ende der Suche, sondern die gelebte Freiheit, suchend zu bleiben. Genau darin liegt etwas zutiefst Evangelisches. 

3. Verantwortung in Beziehung und aktive Weltgestaltung 

Doch Freiheit bleibt nicht bei der Befreiung des Einzelnen stehen. Deshalb schließt sich die entscheidende Frage an: Freiheit wozu? 

Wer nicht mehr unablässig um den eigenen Wert, das eigene Ansehen und die eigene Rechtfertigung kämpfen muss, gewinnt den Raum, den Blick auf andere Menschen und auf die gemeinsame Welt zu richten. Freiheit bedeutet deshalb nicht nur, von etwas frei zu werden. Sie bedeutet zugleich, für etwas frei zu sein. 

Wer sich von Gott angenommen weiß, kann sich dem Nächsten zuwenden. Wer den eigenen Wert nicht ständig beweisen muss, kann andere Menschen wahrnehmen, ohne sie als Konkurrenz zu betrachten. Wer nicht allein mit sich selbst beschäftigt ist, kann Verantwortung übernehmenund Schule, Gesellschaft und Welt aktiv mitzugestalten.  

Am evau tun wir das in besonders hoher Wertschätzung demokratischer Strukturen und Gremienarbeit auf Augenhöhe zur gemeinsamen Gestaltung unserer Schule. Außerdem nehmen wir uns Zeit. Zeit für das gemeinsame Feiern von Gottesdiensten, Zeit, um außerhalb von klassischen Unterrichtsstrukturen projektorientiert und wertungsfrei zu arbeiten – und Zeit für soziales Engagement in etablierten Projekten wie Herausspaziert! oder diakonischen Projektkursen.  

Die intensive Beschäftigung mit der Identität der eigenen Schule hat im Rahmen der Auftaktveranstaltung in Plön bereits neue Ideen entstehen lassen, wie wir die von der Schulstiftung der EKD über die nächsten zwei Jahre begleitete Projektzeit zur konkreten Weiterentwicklung nutzen können:  

Die Schüler*innen formulierten zum einen den Wunsch, dass das in diesem Sinne Evangelische nicht nur „im Schulprogramm versteckt“ erlebbar bleibt, sondern auch im Schulgebäude und im Schulalltag sichtbarer wird. Ihr Arbeitstitel: „Erlebbarkeit durch Sichtbarkeit“. Zum anderen haben wir uns das Ziel gesetzt, im Rahmen der neuen Oberstufenreform NRW einen Projektkurs mit Referenzfach Religion zu konzipieren. Das Lernprodukt dieses Kurses könnte eine selbstorganisierte und selbstgestaltete Pilgerreise sein, die nicht nur zur Spurensuche innerhalb der eigenen Region einlädt, sondern über Bundesland- und Landeskirchengrenzen hinweg auch den Kontakt und Austausch mit anderen evangelischen Schulen sucht. Wir bleiben gemeinsam unterwegs.