Mit Zuversicht in den Sommer: Europa und Kirche sichtbar am evau

Mit einem Festakt vor der versammelten Schulgemeinschaft begann am Donnerstag das Europafest „evau united“. Im Mittelpunkt stand ein besonderer Moment: Vor dem Haupteingang des evau wurden die Europafahne und die Fahne des Evangelischen Kirchenkreises Siegen-Wittgenstein gehisst. Beide Fahnen machen sichtbar, was unsere Schule prägt: die europäische Idee und die Verwurzelung in der evangelischen Kirche.

Schulleiterin Beate Brinkmann eröffnete die Zeremonie und begrüßte die Schulgemeinschaft sowie die Gäste. Bereits zu Beginn wurde deutlich, dass das Hissen der Fahnen weit über einen symbolischen Akt hinausging. Superintendentin Kerstin Grünert stellte die Bedeutung des evau für den Kirchenkreis und die Region heraus und ordnete die Beschlüsse der Kreissynode zur Zukunft der Schule ein.

Für uns als Schulgemeinschaft war es wichtig, dass Superintendentin Kerstin Grünertdiesen besonderen Anlass nutzte, um unmittelbar vor Schülern, Lehrern und Gästen über die Zukunft des evau zu sprechen. Nach den intensiven Diskussionen der vergangenen Wochen wurde ihre Anwesenheit als Zeichen der Verbundenheit und als Ermutigung wahrgenommen, den anstehenden Prozess gemeinsam und konstruktiv zu gestalten.

Der stellvertretende Schulleiter Thomas Süßenbach griff in seiner Rede die Verbindung zwischen Europa, Kirche und Schule auf. Die Geschichte der europäischen Einigung diente ihm dabei als Ausgangspunkt für eine grundsätzliche Frage: Was hält eine Gemeinschaft zusammen, wenn nicht jedes Mitglied jederzeit unmittelbar von ihr profitiert?

Aus einer zunächst wirtschaftlich begründeten Zusammenarbeit sei in Europa im Laufe der Zeit eine Werte- und Solidargemeinschaft entstanden. Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit seien Werte, die nicht allein dem eigenen Vorteil dienten, sondern Verantwortung füreinander begründeten.

Süßenbach warnte davor, Gemeinschaften ausschließlich als Zweckbeziehungen zu betrachten: „Wenn eine Gemeinschaft zur reinen Zweck-Beziehung wird, die man als Mitglied nur eingeht, um selbst einen direkten wirtschaftlichen beziehungsweise finanziellen Nutzen daraus zu ziehen, geraten die Gemeinsamkeiten und die fundamentalen Werte, die man gemeinsam vertritt, schnell aus dem Blick.“

Diese Haltung übertrug er auf aktuelle gesellschaftliche Debatten. Immer häufiger werde danach gefragt, wer wie viel beitrage, wer wie stark profitiere und wer vermeintlich zu kurz komme. Eine solche „Ellenbogenmentalität“ gefährde den Gedanken der Solidarität, der eine Gesellschaft ebenso trage wie eine Schule oder eine Kirche.

Besonders deutlich wurde Süßenbach mit Blick auf die Reaktionen, die nach der Berichterstattung über die Beschlüsse der Kreissynode zu hören gewesen waren. Vereinzelt war vorgeschlagen worden, aus der Kirche auszutreten und stattdessen Schulgeld zu zahlen. Dem widersprach er entschieden: „Bitte keinen Kirexit! Keinen Exit der Kirche und auch keinen Exit aus der Kirche.“

Für ihn seien die beiden großen Kirchen „ein Bollwerk der Zivilgesellschaft und der Solidarität“. Sie beschränkten sich nicht auf einzelne Angebote, sondern übernähmen mit Kitas, Schulen, Jugendarbeit, Diakonie, Beratungsstellen, Pflege, Krankenhäusern und Entwicklungshilfe Verantwortung in vielen Bereichen der Gesellschaft. Gerade dort, wo Menschen Unterstützung benötigten, leisteten kirchliche Einrichtungen einen unverzichtbaren Beitrag.

Süßenbach warb deshalb nicht für eine Distanzierung von der Kirche, sondern für eine Stärkung ihrer gesellschaftlichen Rolle. Die gegenwärtigen finanziellen Herausforderungen dürften nicht dazu führen, den Wert kirchlicher Arbeit allein nach kurzfristigen Kosten und unmittelbarem Nutzen zu beurteilen.

Damit führte er zurück zum Selbstverständnis des evau: „Als evangelische Schule leben wir die Idee der Solidarität von einzigartigen Individuen und deren Verantwortung für den Nächsten. Gemeinsam sind wir stark und die Schwächsten werden getragen.“

Für Süßenbach verbindet sich darin die christliche mit der europäischen Idee: „Diese im Kern christliche Idee ist auch die europäische Idee: eine schillernde, farbenfrohe Vielfalt vereint unter gemeinsamen Werten.“

Die beiden Fahnen stehen deshalb nicht für zwei voneinander getrennte Bereiche. Aus Sicht unserer Schule verweisen sie auf eine gemeinsame Haltung: Gemeinschaft endet nicht dort, wo der eigene unmittelbare Vorteil aufhört. Sie lebt von Verantwortung, Solidarität und der Bereitschaft, Unterschiede auszuhalten und zugleich gemeinsame Werte zu schützen.

Daran knüpfte Steffen Mues an. Als überzeugter Europäer, langjähriger Freund unserer Schule und ehemaliger Bürgermeister der Stadt Siegen sprach er über Europa als Garant für Frieden. Gerade jungen Menschen eröffne Europa zahlreiche Möglichkeiten, andere Länder, Sprachen und Lebensweisen kennenzulernen. Schule habe deshalb die Aufgabe, europäische Werte nicht nur im Unterricht zu behandeln, sondern sie durch Begegnungen, Austausch und gemeinsame Projekte erfahrbar zu machen.

Dass Europa nicht erst an Staatsgrenzen beginnt, sondern längst Teil des eigenen Alltags ist, machte Nadine Henninger deutlich. Die Lehrerin am evau und ehrenamtliche Europabeauftragte der Stadt Siegen brachte diesen Gedanken auf den Punkt: „Europa ist auch hier bei uns zu Hause.“ Europa zeige sich dort, wo Menschen einander begegnen, Grenzen abbauen und neue Verbindungen schaffen.

Meike Zepp, Schule:Global-Coach des evau, hob die Bedeutung internationaler Austausche und interkultureller Erfahrungen hervor. Persönliche Begegnungen ermöglichen es jungen Menschen, andere Perspektiven kennenzulernen, Vorurteile zu hinterfragen und die eigene Sichtweise zu erweitern.

Schülersprecherin Mayya Vokhminteva schlug den Bogen zum anschließenden Europafest. Die Vielfalt Europas finde sich auch in der Schulgemeinschaft wieder. Die zahlreichen Workshops, Aufführungen, kulinarischen Angebote und kreativen Beiträge des Tages zeigten, wie unterschiedlich Europa ist und wie sehr diese Vielfalt verbinden kann.

Einen besonderen künstlerischen Akzent setzte Josefine Weiß. In ihrem gesellschaftskritischen Poetry Slam nahm sie Europa nicht nur als politische Idee, sondern auch als Versprechen in den Blick. Ihr Beitrag erinnerte daran, dass sich Europa immer wieder an seinen eigenen Werten messen lassen muss.

Mit dem Hissen der Europafahne machte das evau zugleich sein Ziel sichtbar, Europaschule zu werden. Europäische Themen, internationale Begegnungen und Austauschprogramme prägen das Schulleben bereits heute und sollen künftig noch stärker im Schulprofil verankert werden.

Am Ende des Festakts standen zwei Fahnen nebeneinander, die zentrale Grundlagen unserer Schule sichtbar machen. Süßenbach fasste diesen Gedanken so zusammen: „Insofern weht zukünftig meines Erachtens ganz zurecht neben der Kirchenkreis-Flagge auch die Europaflagge am evau.“

Aus Sicht des evau setzte die Zeremonie einen optimistischen Schlusspunkt unter ein Schuljahr, das in seinen letzten Wochen von schwierigen Fragen zur Zukunft der Schule geprägt war. Die Worte der Superintendentin und die gemeinsame Feier vor der gesamten Schulgemeinschaft wurden als wohltuendes Zeichen wahrgenommen.

So geht das evau mit Zuversicht in den Sommer und mit der Hoffnung, dass nach den Ferien gemeinsam an einem tragfähigen Finanzierungskonzept gearbeitet wird, das die kirchliche Trägerschaft und das besondere Profil unserer Schule langfristig sichert.