Glück ist kein Zuhause, sondern ein Besuch

Was macht ein glückliches Leben aus? Liegt Glück im Genuss des Augenblicks, in persönlicher Freiheit, in innerer Gelassenheit oder in einem tugendhaften Leben? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Schüler der Jahrgangsstufe 10 bei Frau Judt im Unterricht des Faches Mensch und Welt.

Ausgangspunkt waren unterschiedliche philosophische und psychologische Vorstellungen von Glück. Die Schüler setzten sich unter anderem mit dem Hedonismus Aristipps, der Tugendlehre des Aristoteles, der stoischen Philosophie Epiktets und Sigmund Freuds skeptischer Sicht auf dauerhaftes Glück auseinander. Ihre Aufgabe bestand darin, diese Positionen in einem Poetry Slam kreativ zu verarbeiten und mit eigenen Vorstellungen von einem gelingenden Leben zu verbinden.

Dabei entstanden sehr persönliche und zugleich philosophisch anspruchsvolle Texte. Mia Hees beschreibt Glück als etwas, das im Alltag häufig unbemerkt bleibt. Während Menschen Glück an Noten, Geld oder Anerkennung messen und ihm immer schneller hinterherlaufen, bestehe die Gefahr, „einfach an ihm vorbei“ zu laufen. Ihr Slam erinnert daran, kleine Augenblicke bewusst wahrzunehmen: gemeinsame Zeit, vertraute Gespräche oder das Gefühl, für einen Moment genau am richtigen Ort zu sein. Ihr Fazit lautet: „Vielleicht ist Glück das, was wir viel zu oft übersehen.“

Auch Mira und Lilli hinterfragen die Vorstellung, Glück liege hinter dem nächsten Erfolg oder einem perfekten Leben. Ihr Text beschreibt Glück nicht als festes Ziel, sondern als eine Vielzahl kleiner Sekunden: wenn die Sonne auf das Gesicht scheint, jemand sich über die eigene Anwesenheit freut oder ein Lachen ganz von selbst entsteht. Zugleich greifen sie Epiktets Gedanken auf, zwischen veränderbaren und unveränderbaren Dingen zu unterscheiden. Glück beginne möglicherweise dort, wo man lerne, mit dem Vorhandenen zufrieden zu sein, ohne die eigene Entwicklung aufzugeben: „Nicht perfekt. Nicht fehlerlos. Nur etwas besser als gestern.

Greta Hoeser stellt in ihrem Slam zwei unterschiedliche Lebensentwürfe gegenüber. Ein Mann erfüllt zwar gesellschaftliche Erwartungen und besitzt Geld, Erfolg und Familie, verliert dabei jedoch zunehmend den Kontakt zu seinen eigenen Wünschen. Eine Frau dagegen entscheidet selbst über ihren Lebensweg und findet Erfüllung in einer Tätigkeit, die ihr Freude bereitet. Der Text macht deutlich, dass Glück nicht durch die Erwartungen anderer bestimmt werden kann. Es sei individuell und entstehe dort, wo Menschen Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen: „Also brecht aus euren Mustern aus und tut das, was euch Spaß macht.“

Mayya Vokhmintseva lässt in ihrem Poetry Slam vier Denker mit ihren unterschiedlichen Positionen gewissermaßen in einen gemeinsamen Raum treten. Aristipp wirbt für den Genuss, Epiktet für Selbstbeherrschung, Aristoteles für Tugend und das richtige Maß, während Freud daran zweifelt, dass Menschen dauerhaft glücklich sein können. Besonders eindrücklich fasst Mayya Freuds Position in einem Bild zusammen: „Glück ist bei Freud kein Zuhause. Es ist ein Besuch.“ Eine eindeutige Antwort gibt ihr Text bewusst nicht. Stattdessen kommt sie zu dem Schluss, dass Glück für jeden Menschen etwas anderes bedeutet und dort beginnen kann, wo man aufhört, das eigene Leben nach den Antworten anderer zu führen.

Die Ergebnisse zeigen, wie philosophische Theorien kreativ, lebensnah und persönlich weitergedacht werden können. Die Poetry Slams geben keine einfache Definition von Glück. Sie laden vielmehr dazu ein, die eigenen Maßstäbe zu hinterfragen: Welche Erwartungen bestimmen unser Leben? Was können wir selbst beeinflussen? Und erkennen wir die glücklichen Momente eigentlich, während wir sie erleben?

Die vollständigen Poetry Slams von Mia Hees, Mira und Lilli, Greta Hoeser sowie Mayya Vokhmintseva stehen unter diesem Beitrag als PDF-Dateien zur Verfügung.