Wie spricht man über Geschlechtergerechtigkeit? Welche Rolle spielen Wut, Solidarität und gesellschaftliche Machtverhältnisse? Und was hat all das mit unserem eigenen Alltag zu tun? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Schülerinnen und Schüler am Freitag, dem 19. Juni, bei einem feministischen Lesecafé im Café Noir in der Siegener Oberstadt.
Organisiert wurde die Veranstaltung von den Schülerinnen Lya Dittmann und Mia Reuter. Ermöglicht wurde das Projekt durch die finanzielle Unterstützung der Evangelischen Schulstiftung in der EKD sowie des Jugendparlaments Siegen. Grundlage des Projekttages war das Buch „Nemesis’ Töchter“ von Tara-Louise Wittwer, das allen Teilnehmenden im Vorfeld kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde.
Während des Lesecafés arbeiteten die Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen zu verschiedenen Kapiteln des Buches. Die Gruppen stellten ihre Ergebnisse vor und entwickelten anschließend eigene Diskussionsfragen für die gemeinsame Gesprächsrunde.
Die Themen waren vielfältig und teilweise durchaus kontrovers: Lassen sich männliche und weibliche Wut miteinander vergleichen? Sind Misogynie und Misandrie gleichzusetzen? Welche Bedeutung hat weibliche Solidarität? Welche Rolle spielen Schamgefühle? Und mögen Männer Frauen überhaupt? In der offenen Diskussion wurde deutlich, dass der Feminismus in den vergangenen Jahrzehnten bereits viel erreicht hat, dass der Weg zu echter Geschlechtergerechtigkeit jedoch noch nicht abgeschlossen ist. Gleichzeitig bestand Einigkeit darüber, dass Feminismus nicht auf eine Umkehr bestehender Machtverhältnisse abzielt, sondern auf die Gleichstellung aller Geschlechter.
Besonders bereichernd war dabei die Atmosphäre des Nachmittags: Außerhalb des schulischen Rahmens entstand ein Raum für respektvolle Gespräche, unterschiedliche Perspektiven und konstruktiven Austausch. Die Teilnehmenden hörten einander zu, hinterfragten eigene Positionen und entwickelten gemeinsam neue Sichtweisen.
Die Idee für das Lesecafé entstand bereits im Februar dieses Jahres. Damals nahmen interessierte Schülerinnen und Schüler der Q1 an den zweitägigen Projekttagen „Sprechen von uns, anderen und G*tt“ teil. Unter der Leitung von Friederike Goedicke und Janne Neumann setzten sie sich mit ableismus-, queer-, macht- und feminismuskritischen Perspektiven auf Sprache auseinander und diskutierten, wie Sprache unser Denken und Zusammenleben prägt. Ein Schwerpunkt lag dabei auf der Frage, wie wir in Schule, Gesellschaft und Religion über Menschen sprechen und welche Verantwortung damit verbunden ist. Am zweiten Projekttag entwickelten die Teilnehmenden eigene Projektideen und planten deren Umsetzung. Aus diesem kreativen Prozess heraus entstand schließlich auch das feministische Lesecafé.
So zeigt das Projekt eindrucksvoll, wie aus schulischen Impulsen konkrete Initiativen entstehen können. Das Lesecafé war nicht nur eine Gelegenheit zum gemeinsamen Lesen, sondern vor allem ein Beispiel dafür, wie junge Menschen aktuelle gesellschaftliche Fragen engagiert, reflektiert und eigenständig in den öffentlichen Diskurs einbringen.
Eva Lamm








